31. Mai 2016,

Game Over

04. 12. 2013

In ganz Tschechien sollen tausende Spielotheken geschlossen werden. Ob das den Spielsüchtigen hilft, bleibt offen

Einarmige Banditen, Arcade-Automaten, Münzschieber: Überall in Europa wollen Menschen ihr Glück zu Geld machen. Doch in keinem Land zwischen Atlantikküste und Ural gibt es, gemessen an der Einwohnerzahl, mehr Spielautomaten als in Tschechien. Auf 1.000 Bürger kommen hier im Schnitt 7,5 solcher Geräte – das sind drei Mal so viel wie in Deutschland und sogar zehn Mal mehr als in Österreich oder Polen.

Vor allem die fehlenden Beschränkungen für Betreiber sogenannter Herna-Bars, die meistens rund um die Uhr geöffnet haben, machten Tschechien nach der Wende zu einem Eldorado für Glücksspieler. Doch damit soll nun Schluss sein: Ein Urteil des Verfassungsgerichts in Brünn bedroht viele Spielotheken in ihrer Existenz.

Im April dieses Jahres hatten die Richter entschieden, dass die Kommunen selbst über den Betrieb von Herna-Bars entscheiden können. Eine bis Ende 2014 geltende Übergangsregelung wurde nach einem Gesuch der Stadt Klatovy aufgehoben. Zuvor konnten die Unternehmer beim Finanzministerium entsprechende Lizenzen für den gewerblichen Betrieb von Spielautomaten beantragen. Während Städte und Gemeinden das Urteil überwiegend positiv aufnahmen, rief es bei den direkt Betroffenen heftige Kritik hervor.

„Das Verfassungsgericht hat dafür gesorgt, dass der Staat die Regulierung der legalen Spielindustrie aus der Hand gibt und das Marktsegment direkt der Mafia überträgt“, meint Petr Vrzáň vom Verband der Glücksspielbetreiber. Die Union der Spielindustrie (Unie herního průmyslu) sieht in dem Gerichtsentscheid sogar einen massiven Eingriff in die Gewerbefreiheit.

Entscheid bei Gemeinden
Lumír Palyza (ČSSD) fühlt sich als Gewinner. Jahrelang hat sich der Bürgermeister von Poruba, einem Bezirk der mährisch-schlesischen Großstadt Ostrava, für eine Begrenzung von Glücksspielen eingesetzt. „Bereits im Jahr 2008 haben wir eine Petition ins Leben gerufen, um der Ausbreitung der Herna-Bars einen Riegel vorzuschieben – ohne Erfolg. Nun liegt es endlich an den Gemeinden, wie sie mit den Spielhöllen umgehen“, sagt Palyza. Dass der öffentlichen Verwaltung durch die Schließung der Herna-Bars ein Teil ihrer Einnahmen entgeht, ist ihm bewusst: „Im letzten Jahr haben wir über die Hasardspiele fast 18 Millionen Kronen an Steuergeldern bekommen. Das ist sicher eine beträchtliche Summe. Aber ich bin überzeugt, dass die positiven Seiten, die ein Verbot der Herna-Bars mit sich bringt, überwiegen werden.“

Laut Ostravas stellvertretendem Oberbürgermeister Tomáš Petřík (ODS) hätten sich die meisten Stadtbezirke für eine Regulierung ausgesprochen. „Es geht uns vor allem darum, das Umfeld solcher Bars zu kultivieren und die verrufenen Spelunken zu schließen“, so Petřík. Von einem absoluten Verbot dieser Einrichtungen hält er wenig: „Ich befürchte, das Problem wäre dadurch nicht gelöst. Dann spielen die Leute illegal weiter, und die Gemeinden müssen ganz auf ihre Einnahmen verzichten.“

Auch Jaroslav Vacek, Suchtforscher an der Medizinischen Fakultät der Prager Karls-Universität, ist überzeugt, dass man Glücksspiele nicht aus der Welt schaffen kann. Die Nulltoleranzstrategie, die Städte wie Brünn, Hodonín und Břeclav verfolgen, führe am eigentlichen Ziel vorbei. Um die Zahl der Spielsüchtigen zu senken, rät Vacek, sollten die Kommunen auf andere Dinge achten: In der Umgebung von Spielotheken dürften sich keine Bankautomaten befinden, das Ambiente sollte nicht zu angenehm ausfallen und das Angebot der Spielautomaten durchdacht sein.

Laut aktuellen Schätzungen können etwa 42.000 Menschen in Tschechien dem Glücksspiel nicht widerstehen. Mehr als 160.000 seien auf dem Weg, pathologische Spieler zu werden. Sechs von zehn Erwachsenen haben in ihrem Leben bereits einmal ihr Glück am Automaten versucht. Die im Vergleich zu anderen europäischen Ländern überdurchschnittlich hohen Zahlen lassen sich durchaus mit der Anzahl an Spielotheken begründen. Im Auftrag des Finanzministeriums erarbeitet Jaroslav Vacek derzeit gemeinsam mit Kollegen in Brünn einen Leitfaden für die Eindämmung der Spielsucht. Nach dem Motto: Beschränkungen sind gut, man muss nur wissen welche.

Werbung verboten
Landesweit werden in den kommenden Wochen und Monaten hunderte Herna-Bars geschlossen. In Pilsen ging deren Zahl binnen eines Jahres von 220 auf 130 zurück. Zudem ist der Betrieb mit einigen Auflagen verbunden: Im Innenbereich müssen Überwachungskameras installiert sein, Leuchtreklame und die Anzeige über aktuelle Jackpot-Stände sind verboten. Über die genauen Richtlinien entscheidet jede Gemeinde selbst.

Auch in den Prager Rathäusern wird seit einiger Zeit über die Regulierung von Herna-Bars diskutiert. Im Oktober verkündeten die Stadtverordneten, von den etwa 650 Spielotheken werde es im kommenden Jahr nur noch 317 geben. In Restaurants dürfen keine Spielautomaten aufgestellt werden. Werbung für Glücksspiele ist ab 1. Januar ebenfalls untersagt. In den Stadtbezirken 2 (Vinohrady, Nové Město, Vyšehrad), 6 (Dejvice, Bubeneč) und 12 (Modřany, Komořany) wird es keine Herna-Bars mehr geben. Derzeit strebt die Partei der Grünen (SZ) ein Referendum an: Die Prager sollen über ein Herna-Verbot für die gesamte Hauptstadt abstimmen. Dass es dazu kommt, gilt als unwahrscheinlich.

Weniger Steuereinnahmen
„Ein generelles Verbot ist keine Lösung. Erst einmal sollte man die Spielotheken dort schließen, wo die sozial Schwachen leben. Und die Spielsummen müssten begrenzt werden, damit sie an Anziehungskraft verlieren“, fordert Matěj Hollan von der Bürgervereinigung „Brnění“. Damit die Stadtbezirke mit wenigen oder keinen Herna-Bars nicht benachteiligt werden, will die Stadtverwaltung die Glücksspieleinnahmen künftig gleichmäßig verteilen. Im Jahr 2012 hatten die Bezirke mit den meisten Spielotheken auch das meiste Geld erhalten. So viel werden sie nie wieder bekommen. Denn die Steuereinnahmen werden im kommenden Jahr aller Voraussicht nach deutlich zurückgehen: Ungefähr 450 Millionen Kronen dürften laut Lukáš Manhart (TOP 09) vom Prager Magistrat Ende 2014 ausgeschüttet werden; im zurückliegenden Jahr waren es noch 850 Millionen Kronen.

Solch hohe Verluste hält der Grünen-Politiker Ondřej Mirovský für unwahrscheinlich. Die vom Verfassungsgericht erwirkte Gesetzesnovelle würde zwar viele Spielotheken verschwinden lassen. „Doch nicht die Kästen, in die die Leute ihr Geld werfen“, vermutet Mirovský. In die Karten spielt ihm die Tatsache, dass in den vergangenen Jahren immer mehr Casinos in Tschechien eröffnet haben. Seit 2010 hat sich deren Anzahl mehr als verdoppelt. Für sie gilt die Novelle nicht.





Laut dem „Monitoring Centre for Drugs and Drug Addiction“ in Prag haben tschechische Bürger im vergangenen Jahr insgesamt 133,5 Milliarden Kronen für Glücksspiele ausgegeben und davon 104 Milliarden Kronen gewonnen. 44 Prozent des Gesamteinsatzes landeten in sogenannten Arcade-Automaten, an denen die Benutzer über einen Joystick oder Tasten Videospiele spielen. Landesweit waren im April 2013 insgesamt 61.512 Spielautomaten registriert, untergebracht in mehr als 7.500 Herna-Bars und 470 Casinos.



Text: Marcus Hundt, Foto: Petr Dosek

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